Die (vorerst) letzten Features des Eskapodcasts mit Werner Fuchs haben mich über die Frühzeit der (deutschen) Rollenspielszene nachdenken lassen. Für diejenigen wie mich, die erst später dazu gekommen sind, ist die „alte Zeit“ ein recht schwer fassbarer Zeitabschnitt. Diese Zeit wird sicherlich vielfach verklärt, oder aber im Gegenteil verdammt – in jedem Fall aber mit wenig verlässlichen Infos unterfüttert. Das liegt zum einen daran, dass damals das Hobby natürlich (zumindest lange) nicht online stattgefunden hat und dementsprechend heutige Recherche nicht so leicht möglich ist. Zum anderen sind damals Dinge durch viele Zufälle und weniger abgebrüht durchgeplant worden als es vielleicht heute der Fall ist, nachdem die Professionalisierung auf dem Rollenspielmarkt neue Maßstäbe gesetzt hat.

 

Im von mir sehr geschätzten DORP Podcast, sprachen vor kurzem auch Thomas und Co darüber, wie sie zum Rollenspiel gekommen sind. Das hat mich animiert, dass ich einmal auch meine (wenn auch irgendwie pointen-arme) Geschichte aufzuschreiben.

 

Während andere als ich sicherlich mehr über die Frühzeit des Pen & Paper – Rollenspiele im allgemeinen sagen können, habe ich mir überlegt, wie Rollenspiel – oder vielmehr DSA – seinen Weg zu mir persönlich gefunden hat. Nachdem ich mir letztens bereits einige Gedanken darüber gemacht habe, wie es ist, heute bei DSA zu landen, wollte ich nachforschen, welche Zufälle widerum dafür verantwortlich waren, dass ich nun schon so viele Jahre liebend gerne meine Zeit verschwende.

Es fing damit an, dass in dem kleinen Dorf namens Bengel in Rheinland-Pfalz, aus dem ich (Jahrgang 1990) komme, das Rollenspiel Das Schwarze Auge eine große Popularität genoss und auch ich begann, mit den größeren Jungs (ja, es waren alles Jungs…^^) mitzuspielen. Zu diesem Zeitpunkt, 2003, war das Spiel weit bekannt, hatte aber den Zenit seiner Popularität bereits überschritten. Was genau vorher passiert war, konnte ich nicht genau sagen und es konnte mir damals auch egal sein, – aber aus heutiger Sicht habe ich mich gefragt, wie damals das Rollenspiel in die Provinz kommen konnte. Also habe ich nachgeforscht und bei einigen Leuten, die ich bereits einige Zeit nicht mehr gesehen habe oder aber auch nie richtig kannte, nachgefragt, wie genau Rollenspiel – oder besser DSA, denn das wurde (meines Wissens) ausschließlich gespielt – nach Bengel gekommen ist. Bei meiner Recherche erlebte ich gleich sehr amüsante Unklarheiten, die mich an die Probleme der Oral History erinnerten: Quellen sind nicht wirklich verlässlich, weil sie selbst nur subjektiv wahrgenommen und erinnert worden sind beziehungsweise werden. Dann bekommt man Aussagen, die einander widersprechen, die erst einmal entworren und eingeordnet werden müssen. Ich habe also versucht, ein möglichst wenig widersprechendes Bild zu zeichnen und bin am Ende – so denke ich – zu einem runden Bild gekommen, das vielleicht ganz typisch ist, für sonstige Rollenspielentwicklungen andernorts. Weil die Namen niemandem nützen, werden sie hier auch nicht weiter Erwähnung finden. Um die Personen dennoch ausseinanderhalten zu können (und weil ich es lustig finde^^), habe ich darum Phantasienamen eingesetzt.

Es begab sich also Beginn der 1990er: mit Melkom Appelkorner fing alles an. Er verbrachte einen Schüleraustausch irgendwo in den USA und kam – wie sollte es anders sein – mit Dungeons and Dragons in Kontakt. Dieses Spiel faszinierte ihn, und er steckte über die Ferne seinen jüngeren Bruder an. Dieser Bruder, Jeremiah, brach nach Köln auf, weil er Kunde von einem Laden bekommen hatte, in dem solche Rollenspiele und Comics gehandelt würden. Er fragte dort nach D&D, doch der unbekannte Verkäufer riet dem Jüngling dazu, doch lieber DSA auszuprobieren – das seiner Meinung nach bessere Spiel. So kam er zu seiner ersten Spielebox (wobei ich nicht weiß, ob es sich dabei um die DSA 2 oder DSA 3 – Basisbox handelte) und ob dieses kleinen Schmetterlingsflügelschlags in Form einer Verkaufsempfehlung würde ich Jahre später zum Rollenspiel kommen…

Der wieder nach Deutschland zurückgekehrte Melkom und Jeremiah brachten dann DSA-Spiel in ihre „Clique“ (damals hieß das laut Bravo so…). Sie spielten seit mindestens 1992 an in verschiedenen Konstellationen und recht häufig; unter anderem auch im morgendlichen Schulbus und zusammen mit anderen Kids, die der Bus aus anderen Dörfern abgeholte hatte. Für die jungen Dorfkids, die noch nicht alt genug für Parties und Alkohol waren, bot DSA die Möglichkeit, spannende Spiele zu erleben, die dennoch „erwachsener“ waren als altbekannte Kinderspiele. Diese „Niesche“ als Freizeitgestaltungsmöglichkeit in einer strukturschwachen Region für eine bestimmte Alterskohorte zeichnete vorab, was später immer wieder passieren sollte: ab einem bestimmten Alter wurden andere Dinge (Alkohol, Parties, Konzerte, Frauen etc.) interessanter und das spielen hatte seinen Reiz verloren. Häufig zog man auch nach dem Abi weg oder wurde dank einem Führerschein mobiler und hatte somit mehr Auswahl in der Freizeitgestaltung, sodass die Begeisterung für Pen and Paper Rollenspiel verging.

1996 hörte Jeremiah (und vorher wohl auch Melkom) auf, DSA zu spielen. Doch der dritte Bruder Appelkorner, Young, nahm den Staffelstab auf und spielte mit dem Material seiner Brüder und mit seinen eigenen gleichaltrigen Freunden weiter. Das DSA Spiel hatte sich in unserem Dorf festgesetzt und fortan sollten viele junge Leute zumindest mit der Kenntnis um dieses Spiel aufwachsen. Andere Spiele wurden jedoch meines Wissens nach nicht ausprobiert. Zwar war meiner Erinnerung nach zumindest „Midgard“ ein Begriff, aber offenbar „reichte“ allen das „altbekannte“ DSA  – nun in jedem Fall in der 3er Version. In jedem Fall war das damalige Rollenspiel eine gute Verbindung über verschiedene soziale Kontexte hinweg.

In diese Zeit – wohl bis 1998 – muss mein erster Kontakt mit Rollenspielen und DSA fallen. Ich war zu Besuch bei einer befreundeten Familie, weil ich glaube ich etwas vorbei bringen sollte. Ich schaute noch kurz bei einem der Söhne vorbei – nennen wir ihn Kevin -, und traf dort auf mehrere „Größere“, die dort im Jugendzimmer am Couchtisch über Zetteln brüteten und Würfel rollten. Das war alles unglaublich neu und faszinierend für mich, denn ich – so meine ich zumindest – erinnere mich noch heute ganz genau an die damalige Erfahrung. Es wurde eine Szene mit einem friedlich frei-stehenden Haus beschrieben, dann sagte einer der Spieler: „Ok, ich gehe zum Haus, öffne die Türe und erschlage den Ork der darin ist!“ Dann folgte Gewürfel und schließlich meinte der Spieler „Geschafft – und jetzt schnappe ich sein ganzes Gold!“ Kurz darauf hat man mich Knirps rausgeworfen, weil ich wohl zu jung und lästig war – die Szene hatte sich jedoch in mein Gedächtnis gebrannt – und das bis heute.

So vergingen die 90er und DSA war in wechselnden Zusammensetzungen, die auch weit über das Dorf hinausgingen, zu einer festen Größe geworden. Ich selbst wusste ebenfalls von diesen fantastischen Welten und freute mich auf den Tag, an dem man mich einmal für alt genug befinden würde, um mitzuspielen. Insgesamt dürften wohl knapp 20 Spielende im Lauf der Zeit in diesem Nahbereich infiziert gewesen sein. Wieder kam es dazu, dass eine Kohorte über die Saufgrenze wuchs, was etwa 2001 gewesen sein musste. Es blieb nur eine kleine Gruppe von Leuten übrig, die noch DSA spielten, und langsam kam ich über die Kinder der Patentante meines Bruders hinzu. Interessanter Weise wurde das Rollenspiel bei den „Übriggebliebenen“ in dieser Zeit wohl auch „professioneller“ und irgendwie wichtiger. In dieser Zeit kamen die Herr der Ringe Filme heraus und man vernetzte sich etwas mehr. In der Region fand in einer vom Bistum Trier getragenen Bildungseinrichtung auf der Marienburg jährlich (auch von der katholischen Kirche dank dem damaligen Leiter, Johannes Maria Schatz, organisiert) etwas wie eine kleine Convention statt, auf der der kleine Mikrokosmos der Dorfspielrunden etwas Auflockerung fand.

Im August 2013 war es schließlich so weit, dass ich zum ersten Mal mitspielte. Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, wie unsere ersten Abenteuer so waren, aber in jedem Fall spielten wir stets mit abwechselnder Spielleitung und nach einem „Monster of the week“-Prinzip selbsterdachte Abenteuer. Meine Rollenspielrunde hatte in der Vergangenheit auch gekaufte Abenteuer gespielt und hatte klischeehaft irgendwann auch mal mit der G7-Kampagne angefangen, ohne dass sie sie je zu Ende bringen sollten. Ich erhielt eine altgediente Heldenfigur, einen Söldner, den ich (warum auch immer…) „Xerxes“ taufte und mit dem ich fortan viel Spaß hatte. Wir spielten alle DSA3 – und daran sollte sich trotz des zwischenzeitlich erschienenen Regelwerkes nichts ändern. Lange Zeit wusste ich nicht einmal, dass es verschiedene Versionen des Rollenspiels gab. Erst durch das Ersteigern von Spielmaterial stellte sich für mich langsam eine Übersicht über der Editionen her. Außerdem begann ich, mich online umzusehen und ich fand meinen Weg zum von mir bis heute geliebten (wenn auch nur noch wenig frequentiertem 🙂 ) Orkenspalter. Im Dezember 2013 nahm ich an der bereits beschriebenen Marienburg-Convention teil (in deren Rahmen dann auch Herr der Ringe 3 zusammen im Kino geschaut wurde…) und spätestens jetzt war mein Schicksal als DSA-Spieler besiegelt. An diesem Wochenende vom 19.-21.12.2003 fand im übrigen auch mein erster Larp-Kontakt statt, was sich in den folgenden Jahren als ebenso tolle Freizeitgestaltung erweisen sollte…

 

Convention auf der Marienburg 2003 (Ich bin der Otto in der Mitte – zum Glück erkennt man niemanden, der ansonsten markiert werden müsste…)

 

Mit anderen Rollenspielsystemen sollte ich erst einmal nicht vertraut werden. Lediglich das Herr der Ringe Tabletop Spiel fand (wohl auch durch entsprechend gut platzierte Werbung über die Einsteigersets) Eingang bei uns und beschäftigte uns zwischenzeitlich, bis der Trend abflaute. Wir spielten über einige Jahre und gaben es (traditionsgemäß) auch wieder an Jüngere weiter. Obwohl auch wir uns mit anderen Dingen beschäftigten, mit denen sich Teens so beschäftigen, blieben wir gelegentlich DSA treu, wobei die Spieltermine immer seltener wurden bis das ganze schließlich einschlief.

Erst mit meinem Umzug zum Studium und neue Kontakte zu DSA-Fans wuchs meine DSA Leidenschaft wieder. Ein neuer Freund, Bayern-Seppel, zeigte mir wohl 2009 DSA 4.1 und überzeugte mich nun endlich, zu „konvertieren“:). Auch, wenn wir in der Folge de facto nie gemeinsam spielten, kam ich wieder mit dem Hobby in Kontakt und sah mich eigenständig weiter um. Ich besuchte fortan Messen und Conventions und fand schließlich auch Anschluss an andere Spielrunden, lernte neue Rollenspielsysteme kennen und so weiter. … Der Rest ist Geschichte. 😉

Meines Wissens nach wird jedoch, nachdem unser Umfeld das Dorf tendenziell verlassen hat, mittlerweile kein Rollenspiel mehr betrieben. Der Generationswechsel wurde scheinbar nach uns irgendwie unterbrochen – vermutlich weil digitales Spielen einfacher zu haben und attraktiver war…

 

Nun bin ich im Prinzip am Ende meiner Geschichte und stelle fest, dass es nicht wirklich eine Pointe gibt. Ich hoffe dennoch, dass die Geschichte aus dem einen oder anderen Grund erhellend gewesen sein könnte. 🙂

Es werden weiterhin immer wieder erbitterte Kämpfe um die neue DSA-Edition geführt. Das ist vermutlich alles nicht zielführend und bedient allenfalls das Distinktionsbedürfnis wütender Diskussionteilnehmender innerhalb ihres jeweiligen Online-Forums. Es gab gerade einen schönen Artikel auf Nandurion, bei dem es um dieses Thema geht*. Ich finde es schön und spannend, wie Vibart fortan den Begriff „Liebhaber“ für sich gefunden hat, um sich vom Fanatismus des DSA-„Fans“ abzugrenzen. Solche Impulse sind schön, sorgen hoffentlich für etwas Entspannung und werden nicht bloße Sprachübung bleiben. Der Vorgang hat mich jedenfalls noch einmal angeregt, einige weitere Überlegungen aufzuschreiben.

 

Was ich nämlich in der letzten Zeit erlebt habe, macht entgegen der vielen, bestimmt beherzten, aber leider auch oft geist- und vor allem Spaß-losen Ausseinandersetzungen Hoffnung und zeigt, dass (insbesondere auch junge Leute) einfach Spaß an DSA haben, ohne sich mit solchen Disputen, die für die Beteiligten die Welt bedeuten, überhaupt ausseinandersetzen zu müssen.

 

Zum einen habe ich auf der Dreieichcon mit zwei DSA-Neueinsteigern eine wunderschöne Runde DSA gespielt. Die beiden spielten, wenn ich mich recht entsinne, erst seit einem halben Jahr, und es war für mich eine spannende Erfahrung, mit frischen DSA-Spielern sprechen und spielen zu können. Die beiden 19-jährigen waren einfach online auf die Erscheinung von DSA5 aufmerksam geworden und haben begonnen, mit Freunden eine neue Gruppe aufzubauen. In der Vergangenheit hatte ich eigentlich immer – auch auf Cons – mit Menschen zu tun, die, auf verschiedene Weisen, doch letztlich immer über Freunde und Bekannte auf das Hobby aufmerksam gemacht worden sind. Es war in jedem Fall für mich, und einen Kumpel, der mit dabei war und wie ich ein altgedienter DSA-Recke (wir spielen übrigens seit der Dritten Generation, dann aber vor allem 4.1, und mittlerweile gelegentlich 5…) ist, sehr spannend zu erleben, wie junge Leute von Heute Rollenspiel betreiben, wenn sie das einfach „aus dem Buch gelernt“ haben und eben mit dieser Edition begonnen haben.

Ich musste erkennen: es hat ziemlich reibungslos funkltioniert und großen Spaß gemacht! Wir befanden uns auf einer Wellenlänge und ich hatte zunächst irgendwie vermutet, dass es vielleicht an manchen Stellen Unterschiede in der Spielweise erkennen würde – aber dem war nicht so. Meine Feld-Wald-und-Wiesen-Dorf-Spielweise stand nicht im Weg. Ich fand, dass im Vergleich zu meiner Spielweise wenig „gehandwedelt“ wird (was aber vielleicht auch gar nicht so repräsentativ für länger geübte Spielweisen sein mag), sondern mehr danach getrachtet wird, konkrete Regeln zu finden, die passen. Gleichzeitig wurde die Art des Spielleitens angenehm unkompliziert und unprätentiös abgehandelt. Das hat Spaß gemacht, wirkte modern und hatte angenehm wenig mit dem zu tun, was „früher“ manch einer oder eine vielleicht aus der „Meister“-Fixierung herausgelesen hat.

Insgesamt habe ich also das Gefühl gehabt, dass das DSA5 Regelwerk, so, wie es publiziert worden ist, sehr nette, moderne und spaßbringende Spielweisen hervorbringt. Diese Erkenntnis ist vielleicht nicht unvorhersehbar, gibt jedoch Fundamentalkritikerinnen und -Kritikern, die dieses bezweifeln, unrecht. Ich war erstaunt darüber, wie viel Material sich die Jungs bereits zugelegt hatten. Nahezu das gesamte DSA5-Sortiment wird von ihnen zeitnah gekauft. Das dürfte Ulisses freuen und unterscheidet diese DSA-Liebhaber ( 😉 ) von vielen meiner ehemaligen Mitspielerinnnen und Mitspieler und auch von mir, die wir nur sehr ausgewählt neue Produkte kaufen oder kauften. Ich hatte in der Vergangenheit schon in vielen Con-Runden gespielt. Einige waren wunderbar, andere waren nicht ganz so zufriedenstellend – jeweils im Guten und Schlechten aus verschiedensten Gründen. Teilweise konnten eingefahrene Spielweisen von Spielleitenden oder Mitspielenden mir jedoch auch Freude am Spiel nehmen. Im Gegensatz dazu fiel mir der Spaß, den alle Beteiligten in diesem speziellen Fall hatten, besonders auf.

 

Zum anderen traf ich neulich auf der Straße an einer Bushaltestelle (in der Nähe eines Rollenspielladens) einen jungen Schüler und eine junge Schülerin. Sie zeigte ihm das DSA-5 Grundregelwerk in der Hardcover-Variante und man sah ihr auf große Entfernung bereits die offensichtliche Freude an diesem Produkt auf. Die beiden blätterten darin herum und ich sprach sie einfach mal an und fragte nach ihrer DSA-Erfahrung. Ob sie neu mit DSA5 angefangen hätten, oder wie sie überhaupt dazu gekommen sind. Es stellte sich heraus, dass sie von einer Klassenkameradin das (trotz seiner Neuheit bereits sehr benutzte und abgegriffene – es wird GESPIELT und steht nicht nur im Regal! 🙂 ) Regelwerk ausgeliehen habe und dass mehrere in ihrer Klasse nun damit begonnen hätten, DSA 5 zu spielen. Sie alle hatten vorher noch keine Rollenspielerfahrung, wären jedoch über Youtube-Videos, insbesondere von Orkenspalter.tv auf dieses Hobby aufmerksam geworden. Sie hätten sich die betont lustigen P&P Let´s plays dort und bei Ulisses angesehen, sich das Regelwerk besorgt, einfach losgespielt und seitdem großen Spaß daran. Ich wünschte ihr noch viel Spaß und gute Abenteuer und verabschiedete mich dann wieder. Das fand ich irgendwie ziemlich ermutigend: junge Leute, die einfach so anfangen, ohne sich um alten Balast zu kümmern.

 

Selbstverständlich weiß ich, dass hier keinerlei eigentliche und wissenschaftlich beweisbare Evidenz gegeben ist. Ich habe mit den zwei Geschichten lediglich einige persönliche Erfahrungen gemacht, die ich in den vielen Jahren, in denen ich mich zuvor damit beschäftigt habe, so nicht erlebt habe habe. In den vergangenen Jahren habe ich Rollenspieler meist nur „unter sich“ gefunden und nicht mitbekommen, dass neue Leute, die nicht schon x andere Rollenspiele spielen und bereits seit D&D „dabei sind“, mit DSA anfangen. Man erlebt DSA im öffentlichen Raum in einer Weise, die ich auch nicht von einst kenne, als noch in jedem Kaufhaus die DSA-Bücher auslagen (Nun gut – die GANZ alte Zeit mit den DSA-Fernsehwerbungen kenne ich dann doch auch wieder nicht mehr…). Der unprätentiöse Umgang mit dem Spielzeug (Ja, es ist eigentlich Spielzeug – auch wenn wir das oftmals vergessen) ist ebenfalls erfrischend in einem Umfeld, dass die Produkte manchmal regelrecht fetischisiert. Vor allem aber scheinen wir wieder mehr zu werden. Man sieht wieder neue Nasen auf den Cons und hört von neuen Leuten, die mit dem Spielen begonnen haben. Scheinbar wirken „neue“ Verbreitungswege wie youtube und hier sollten wir weiter dran arbeiten. Es ist schön, dass Spaß wieder im Vordergrund steht und dennoch Toleranz und Akzeptanz in der Szene möglich ist.

Allgemein sollten wir selbstverständlich weiterhin unseren Freundinnen und Freunden DSA zeigen, denn es kann offenbar wieder faszinieren und Freude bereiten. Scheinbar funktioniert das Marketing und es wäre spannend zu wissen, ob die Verkaufszahlen tatsächlich gut sind und wie repräsentativ meine beiden neuen Alleskäufer nun wirklich sind. Ulisses kann erfreulicher Weise auch noch etwas Geld für wohltätige Zwecke leisten. So schlimm läuft es für unser Nischenhobby also hoffentlich nicht, und wenn wir Glück haben,  geht es hoffenltich weiter bergauf für unser aller Lieblings-Alte-Dame DSA. Die besten Wünsche dafür von mir!

 

* Aufgrund der dem Artikel zugrunde liegenden leichten Fußball-Aversion kam mir als Fußballliebaber noch die lustige Idee, sich alternativ als „DSA-Ultra“ zu bezeichnen, um damit den schlichten „Fans“ (hühü: Lächerlich!) eins auszuwischen.

wuerfel

„Das Mittelalter hat einen Boten gesandt: Es möchte seine Wissensgesellschaft wiederhaben.“

… das waren meine Gedanken, als ich den folgenden sehr guten Beitrag zum aktuellen Zustand wissenschaftlichen Arbeitens gelesen habe. Ich kann ihn sehr empfehlen und bin während meines Studiums bereits unzählige Male an der Literaturbesorgung verzweifelt. Es ist einfach traurig, dass wir es im 21. Jahrhundert immer noch nicht schaffen, entsprechend unseres zivilisatorischen Standes Medien miteinander zu teilen.

 

Sci Hub, Fernleihe und Open Access

In der letzten Zeit sind mir ein paar Dinge wiederholt aufgefallen, zu denen ich gerne Stellung beziehen würde. Ich bin schon seit vielen Jahren engagierter DSA-Fan, der sein Hobby liebt, aber es gerne auch weiter hegen und pflegen möchte und darum einzelne Elemente kritisiert. Es geht nicht darum, vernichtende Kritik zu üben oder sich über etwas oder jemanden moralisch oder sonstwie zu erheben, sondern einfach um emanzipatorische Anmerkungen, die dazu führen sollen, kritische Denkansätze anzubieten, um unser aller Vorurteile zu erforschen und vielleicht abzulegen.

Insbesondere beim Lesen von „Khunchomer Pfeffer“ habe ich mich über die Tendenz geärgert, den Rastullahglauben mit dem Islam gleichzusetzen und Tulamidya mit Arabisch gleichzusetzen und entsprechend zu benutzen.

 

Novadis sind keine Muslime!

DSA ist ein Fantasy-Pen&Paper-Rollenspiel, das auf dem fiktiven Kontinent Aventurien spielt und insofern sind die Religionen bei DSA ebenso frei erfunden. Vieles bei DSA basiert allerdings auf verfremdeten Elementen der realen Welt – was damals bei der Erfindung so gesetzt worden ist und oft als Grund für das im Vergleich zu anderen Rollenspielwelten leichte Hineinfinden in die Spielwelt angeführt wird. (Was dann natürlich auch andere Leute negativ bewerten können, die eine stärker phantastische Welt wünschen, die weniger irdischen Vorbilden nachempfunden ist. Außerdem ist DAS SCHWARZE AUGE im Deutschland der 80er von deutschen, weißen Männern mit der entsprechenden Sozialisation und all den Problemen, die damit einhergehen (Eurozentrismus, Rassismus, Sexismus, Orientalismus oder Exotismus und all das hat mal mehr (Eurozentrismus als Mittelreichzentrismus) und mal weniger (Sexismus – weil bewusst die tolle Setzung gemacht worden ist, dass Männer und Frauen per se sich nicht in den Spielwerten unterscheiden und die Gesellschaften weitgehend zumindest nicht von einem Sexismus irdischen Vorbildes gestraft sind) stark Einzug in das Spiel gefunden – mit diesen Aspekten will ich mich gerne einmal in der Zukunft beschäftigen.). Die entstandene Welt basiert somit auf allerlei Versatzstücken aus der tatsächlichen Geschichte unserer Welt – aber vielmehr auch medial vermittelten Bildern, Geschichten, Märchen und ähnlichem. Allerdings, und das ist das entscheidende: Dinge wurden (im besten Fall) nicht einfach übernommen, sondern in verschiedensten Formen verfremdet, transformiert, neu zusammengesetzt und verknüpft.

Soweit – so gut.

Was ich aber nicht angemessen finde, ist die (von mir) als zunehmend wahrgenommene Tendenz, den inneraventurischen Rastullahglauben mit dem irdischen Islam zu vergleichen. Die übrigen Glaubensvorstellungen in der Spielwelt entsprechen ebenfalls keinen Religionen, an die real Menschen glauben – es gibt wiederum lediglich Versatzstücke, die keinen echten Vergleich ermöglichen. Zum Beispiel werden die Roben der meisten zwölfgötterlichen und vor allem der boronischen Geweihten denen von irdischen Mönchen und Nonnen nachempfunden; die Kirche des Praios verfügt über eine Inquisition, die an die irdische Inquisition im ausgehenden Mittelalter angelehnt ist oder ein der Rondraglauben der Anhänger der Kampfgöttin, der die Ehrenvorstellungen des (teilweise christlich begründeten) sozialen und moralischen Konstruktes des Rittertums in der irdischen Vergangenheit transportiert.

Selbstverständlich ist der tulamidische Raum schon immer eine Remineszenz an die märchenhafte Welt um 1001 Nacht (Obacht: Orientalismus…) gewesen und diese Märchenwelt ist auch irdisch untrennbar mit dem irdischen Islam verbunden. Aber die aventurische Setzung hat anderes ergeben, denn im tulamidischen Kulturraum sind die Menschen nichtsdestotrotz überwiegend 12-Göttergläubig und entsprechen eben nicht dem weltlichen Vorbild, nach dem der imaginierte Orient größtenteils von (wenn auch verschiedenen Untergruppen zugehörigem) Islam beherrscht wird. Aspekte des irdischen Islams fanden darüber hinaus dennoch ihren Weg nach Aventurien und vor allem in die Tulamidenlande. Auch die Novadis bekamen selbstverständlich Aspekte ab.  Das entscheidende ist allerdings, dass sie, um beim märchenhaften Bild zu bleiben, nicht vollständig und deckungsgleich den Muslimen entsprechen, sondern allenfalls kleinen radikalen Splittergruppen des Islams – denn auch zahlenmäßig ist der Anteil der Novadis unter den Tulamiden recht gering. Der Rastullahglauben ist eine kleine Religionsgemeinschaft, die schon immer auch andere Aspekte auf sich vereinte wie den Zoroastrismus (Beerdigungsrituale, beispielsweise das novadische Buch „Also sprach Rastullah“ – als wohl inhaltlich entfremdetes Versatzstück von Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“), des Judentums („Wir[die Beni Novad] sind das von Rastullah auserwählte Volk!“ Götter, Kulte, Mythen Seite 126) oder die Traditionen nomadischer – vor allem beduinischer – Wüstenbewohnerinnen und -bewohnern. Auch die aventurische Architektur entspricht kulturellen und nicht religiösen Eigeneheiten irdischer Äquivalente.

 

Wir sehen also, dass die novadische Glaubenswelt wie alle Inhalte des Spiels irdische Anleihen besitzen – aber mich stört die sich zunehmend vollziehende Gleichsetzung von Rastullahglauben und Islam. Unter anderm in „Khunchomer Pfeffer“ einer zweiteiligen Romanserie von Marco Findeisen und Eevie Demirtel ist wiederholt von „Rastullah akbar!“ die Rede. Das hier einer der vielleicht bekanntestesten Formeln des realen islamischen Religion umgemünzt wird, finde ich einfach unpassend und zu dreist und phantasielos geklaut. Im weiteren wird der Gebetsruf und werden weite Teile religiöser Rituale einfach wie selbstverständlich übernommen. Weiter unten schreibe ich im weiteren noch mehr zur Sprache – auch, wenn das dann generell für Tulamidya gilt und nicht nur für die kleinere Gemeinschaft der Novadis. Thematisch und durch solche zu deutlichen Entlehnungen finde ich eine solche Gleichsetzung nicht angemessen, denn sie diffamiert damit eine tatsächlich vorhandene Religion.

Wenn erst einmal der Rastullahglauben bei den Spielerinnen und Spielern assoziativ fest mit „dem Islam“ verknüpft ist, wird es umso unappetittlicher, denn im allgemeinen gilt der Glaube der Novadis als unsympathisch – ja sogar als bewusst falsch. So gibt es unter anderem die Theorie, dass die Rastullahgläubigen eigentlich den Namenlosen [einer der finstersten Götter…] anbeten. Wenn man tatsächlich die Parallelität von Islam und Rastullahglauben unterstützt, dann wird hier die Brücke zu uralten mittelalterlich-christlichen proto-antimuslimischen Vorurteilen, die besagen, dass Muslime in Wahrheit einen finsteren Dämon anbeteten, geschlagen. Ich nehme in einem zunehmendem Maß blöde Islamklischees war, die noch über Frauenunterdrückung und abweichende Essgewohnheiten hinaus gehen.

 

Tulamidya ist nicht Arabisch!

Nun kommen wir zu etwas, dass meiner Meinung nach stark damit zusammengehört, obwohl es dabei nicht um Religion geht: Die Sprache. Tulamidya ist in Aventurien die zweitverbreitetste Sprache. Nun ist es aber eben so, dass alle Sprachen in Aventurien nur ausgedacht sind und allesamt kaum Ausarbeitung erfahren haben. Einzige Ausnahme ist Garethi, das mit seinen Dialekten instgesamt aber die kontinental verbreitete Standardsprache darstellt und dem deutschen entspricht. Wenn nun während des Rollenspiels jemand in einer anderen Sprache spricht, wird das gemeinhin weiter in deutscher Sprache abgehandelt, in der Phantasie der Spielerinnen und Spieler entsteht dabei die vollkommen andere Sprache. Nun gibt es aber die Tendenz, das arabische mit dem Tulamidya gleichzusetzen,- was ich ebenso ablehne wie eine allzu starke Gleichsetzung von Rastullahglauben mit dem islamischen Glauben.

„as-salāmu ʿalaikum!“ (wobei sich noch nicht einmal auf das neutralere und kürzere „Salâm!“ beschränkt wird…), „sayid“ oder „Shokran“ sind Beispiele für solch unnütze Worte, die häufig in den oben genannten Romanen, aber auch an anderen Stellen vorkommen. Sie werden bei den deutschen Texten ersetzt, weil man sie gerade so als Durchschnittsdeutscher noch kennt. Das wirkt allerdings unfreiwillig komisch, weil eigentlich ja der gesamte Text in Tulamidya verfasst ist, weil diese entsprechenden Leute ja nicht Garethi reden.

Tulamidya ist kein Arabisch, sondern eine fiktive Sprache, um deren Ausgestaltung sich nie jemand wirklich gekümmert hat. Wann immer man in der Vergangenheit einen konkreten Begriff aus dem Tulamidya gebraucht hat, hat man willkürlich Arabische, türkische, persische oder aus anderen Sprachen entnommene Wörter genutzt – aber eben willkürlich und eher nach Klang als nach (korrekter) Bedeutung. Wenn man nun dazu übergeht, korrektes Arabisch zu verwenden, dann setzt man eine real existierende Weltsprache mit einer erfundenen Phantasiesprache gleich, was auch zu Logikfehlern in Bezug auf frühere Setzungen führt, die eben nicht dieser klaren Zuordnung entsprechen (konnten). Insofern ist es überhaupt nicht wünschenswert, Menschen die über Arrabisch-Kenntnisse verfügen, Sätze in die eigenen DSA-Werke einzubauen, weil Arabisch ≠ Tulamidya!

Andere Sprachen werden ebenfalls nicht näher ausformuliert. Man könnte sich die Mühe machen, Zelemja auszuarbeiten, um für das Abenteuer in Selem eine stilechte uralte Phrophezeiung zu erstellen, die dann enträtselt werden kann. Man könnte auch Rssahh umfassend auszuarbeiten –  auch das wäre bestimmt spannend. Nicht einmal Aureliani wird näher definiert – obwohl es eine wichtige Gelehrtensprache ist. Man macht sich also nicht die Mühe, anderen Sprachen eine konkrete Entsprechung zu suchen oder etwas eigenes zu erstellen – weil es einfach keinen Sinn ergibt, Phantasiesprachen derartig auszuformulieren. Es gibt einfach Hinweise – wie den zur altgriechischen Sprache beim Aureliani-, sodass ein Vorstellungsraum geschaffen wird. Nähere Ausgestaltung bringt überhaupt keinen Mehrwert, denn dann man redet ja auch am Spieltisch nicht ständig in der jeweiligen von Garethi abweichenden Fremdsprache, wenn man bei DSA eine andere Sprache nutzt.

Sinn macht es gewiss, wenn man Eigennamen etc. von arabischen Wörtern ableitet, aber eben auch aus anderen Quellen – damit keine einseitige Dominanz offenbar wird! Ein gelungenes Beispiel dafür mag das aventurisch (auch in „Khunchomer Pfeffer“) gesetzte Wort „kif“ (für Rauschkräuter allgemein) darstellen. Dieses ähnelt dem Wort kiffen, das im 20. Jahrhundert vom Englischen kif entlehnt wurde und auf das Arabische kaif (Wohlbefinden) zurückgeht – im gegensatz zum zu deutlichen „haschisch“, wie man entsprechende Rauschmittel heute ebenfalls nennt,- was widerum auch einfach nur „Gras“ heißt…

Ich plädiere darum für eine vorsichtige Verwendung der arabischen Sprache als „Tulamidya-Ersatz“. Als Inspiration ist sie mit Sicherheit zu verwenden, man sollte es sich aber nicht zu einfach machen, allein, um nicht zu vergessen, dass Tulamidya einfach eine eigene Sprache ist,- auch wenn es niemanden geben kann, der sie wirklich spricht. So erhält man sich im übrigen auch viel mehr Freiheiten beim Spiel. Da in unserem Rollenspiel Fremdsprachen ohnehin nur unzureichend „übersetzt“ werden, macht es keinen Sinn, einzelne Teile von Sätzen zu übersetzen und andere unübersetzt zu lassen – das ist doch unbefriedigend und unlogisch, oder nicht?

 

Fazit

Ich finde es schade, dass in einem zunehmenden Maß zu deutliche Gleichsetzungen mit Aspekten der realen Welt getätigt werden, die über reine Andeutungen hinaus gehen und dadurch oft (und vermutlich unbewusst) diffamierend auf reale Menschengruppen diffamieren.

Dass in einem zunehmenden Maß der Novadiglauben vermehrt negativ dargestellt wird (im Vergleich zur rativ schwammigen Beschreibung in den frühen Jahren), liegt vielleicht auch an einer im zeitlichen Verlauf zunehemend schlechter werdenden Bewertung von Muslimen in Deutschland. [Siehe dazu die Umfagen und Artikel der Forschungsgruppe, die regelmäßig von W. Heitmeyer unter dem Titel „Deutsche Zustände“ herausgegeben werden.] Dass eher Vergleiche zu totalitären Spielarten des Islams gezogen werden, anstatt wie es problemlos möglich wäre, beispielsweise die hochkulturellen und toleranten Aspekte der Blütezeit der islamischen Kultur auf der spanischen Halbinsel  (die von der später sogenannten „Reconquista“ beendet wurde – auf die sich trauriger Weise heute wieder immer mehr Dummköpfe berufen) als Versatzstück aufnehmen, ist schade und keine Zwangsläufigkeit. Für mich hatte Rollenspiel immer auch ein emanzipatorisches Momentum und ich finde es sehr schade, wenn dieses zunehmend unter Vorurteilen begraben wird. Dass Vorurteile derart wirkmächtig werden mag auch am (augenscheinlich 😉 ) geringen Anteil von Muslimas und Muslimen unter Rollenspielerinnnen und Rollenspielern liegen. Auch wenn wir Rollenspieler gemeinhin wenig mit Religion am Hut haben mögen, so gilt es dennoch, diese gesellschaftlichen Aspekte mitzudenken… jedenfalls komme ich selbst nicht umhin, sie mitzudenken.

 

Disclaimer:

„DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN und DERE sind eingetragene Marken in Schrift und Bild der Ulisses Medien und Spiel Distribution GmbH oder deren Partner. Ohne vorherige schriftliche Genehmigung der Ulisses Medien und Spiel Distribution GmbH ist eine Verwendung der Ulisses-Spiele-Markenzeichen nicht gestattet.“

Ich habe mich schon eine ganze Weile auf das Rahjasutra gefreut – in erster Linie wohl, um das Spiel mit Rahjageweihten zu bereichern, aber auch einfach auch aus dem Interesse, wie das irdische Buch aventurisch umgesetzt werden würde. Aber letztlich ist es auch mehr mit einem Augenzwinkern zu sehen.

Trotz der 160 Seiten bietet das in diesem Juni erschienene Büchlein wenig Tiefe. Vieles wird nur angekratzt, weil eben wie in der irdischen Entsprechung eine Vielzahl von Lebensbereichen abgedeckt werden soll. Bei entsprechendem Umfang ist das allerdings dann auch möglich – anders als in diesem Werk im Vademecum-Format, bei dem viele Bereiche dann einfach mit 5 kurzen Pünktchen abgekanzelt werden, nur damit sie abgehakt sind.

Das Buch ist selbstverständlich nicht das,  wie einst scherzhaft angekündigt, „Wege der Vereinigung“ geworden, ich weiß jetzt aber einfach nicht, was ich damit soll. Es ist weder ein hilfreicher Leitfaden für Aventurische Liebesdinge, weil einfach Selbstverständlichkeiten aufgeschrieben werden, die dem trampeligsten Andergaster klar sind, noch bietet es Hintergrund für etwas vertieftes Charakterspiel, noch ist es wirklich unterhaltsam oder auch nur interessant für die eigene Lektüre, noch hat das Ganze einen Nutzen am Spieltisch.

Die Liebesanweisungen sind auf schlimmstem Frauen-/ oder Männermagazinniveau und ansonsten langweilig weil selbstverständlich. Wir bekommen eher einen schmuddeligen (und belanglosen) Groschenroman als rahjagefällige Erotik.

Alle Zeichnungen zeigen vor allem Frauen, die immer gleich aussehen und die immer gleiche Anatomie aufweisen: dünne Körper mit zierlicher Tailie und großen – bei allen Zeichnungen gleich aussehenden – Brüsten. Das ist langweilig, zeigt in keinster Weise Vielfalt – wie es geboten wäre – und tut abermals nichts dafür, von klassischen Klischees wegzukommen. Immerhin finden sich am Ende wenigstens noch ineinander verschlungene Männer bei den Illustrationen. Wenn selbst diese (harmlose) Darstellung dieser geschlechtlichen Vielfalt gefehlt hätte, wäre das schon ganz schön traurig gewesen.

Die Rahmung mit dem inneraventurischen Kommentator des ungleich älteren eigentlichen Rahjasutras ist ein kluger Schachzug, um nicht eine komplette Ausgabe dieses Buches liefern zu müssen. Auch die Idee mit dem Kommentar auf Gleichberechtigung ist nett. Mich nervt wiederholt die gewollt exotistische Sprache, und letztlich bleibt am Ende auch die Rahmung unabgeschlossen. Eine Art Schlusswort hätte dem ganzen gut getan.. Was mich an diesem Kommentar mit Versatzstücken stört ist unter anderem die Verortung im Jahr 1039 BF. Wenn ich es streng nehme kann ich damit also sehr wenig anfangen, sofern ich mich (wie die meisten wohl) nicht in der absoluten aventurischen Gegenwart befinde.

Was ich ganz spannend fand waren die lustigen Charakterisierungen, die einfach vom Stil her gut gepasst haben und auch die Alchemika waren interessant. Von solchen kreativen und phantastischen Dingen hätte ich mir mehr gewünscht, anstatt Raum mit Belanglosigkeiten über einfachstes menschliches Zusammenleben zu verschenken.

Es bleibt letztlich der Eindruck,: so wie der inneraventurische Autor mit dem Flickwerk einfach nur Geld verdienen will, fehlt diesem irdischen Werk noch ein wenig die Liebe, die aus der lustigen Idee ein gelungenes Werk hätte machen können. Das Buch ist teurer als die Vademeci, gekauft werden wird es jedoch ohnehin und bald schon werden die Sammlerpreise steigen…

 

 

 

 

 

„Pegida“ tauchte plötzlich auf – spukte herum und verschwindet nun vielleicht ebenso schnell, weil die Kanzlerin“klare Kante“ gezeigt hat?! Enttäuschte Menschen, denen man nur mal zuhören muss, mit ihren kleinen Problemchen…und dann ist wieder alles gut! – So scheinen es einige hochrangige deutsche PolitikerInnen zu sehen.

Der Wunsch beziehungsweise die Forderung, mit Pegida zu reden, geistert in dem Zusammenhang immer wieder durch die Medienlandschaft. Sigmar Gabriel meinte im Stern-Interview: „Es gibt ein demokratisches Recht darauf, rechts zu sein oder deutschnational.“ – ganz privat, selbstverständlich – und man kann nur noch den Kopf schütteln ob so viel kaltschnäuziger Abgeklärtheit. Der gesamtgesellschaftliche Diskurs zu Themen wie Asyl und Migration war noch nie sehr angenehm und hat sich vor allem durch den Backlash in den frühen 90ern noch weiter verschlimmert – aber die Naivität, mit der Politikerinnen und Politiker wie Andreas Scheuer (CSU), Gregor Gysi (Linkspartei), der Dialog mit den „Mitläufern“ fordert, Markus Ulbig ( Sachsens Innenminister; CDU), der sich offiziell mit der Pegida-Sprecherin Kathrin Oertel getroffen hat, Otto Schily (SPD), der bei der Gelegenheit auf „Probleme mit muslimischen Zuwanderern“ hinwies, Sarah Wagenknecht (Linkspartei) oder Stanlisw Tillich (CDU), der verständnisvolle Thomas de Maizière,- um von der AfD gar nicht erst zu sprechen-, sich an die dummdreist-verwirrten von Pegida und Co. durch das Dialog-Gerede ranschmeißen ist gefährlich. Es legitimiert die Proteste gegen Einbildungen, wertet ihre rassistische und antidemokratische Scheinlogik auf und ignoriert dabei, wer die Opfer dieser rechts-toleranten Schmierenkömödie sind: MigrantInnen und Geflüchtete, auf die sich die Übergriffe nach dem Beginn der Pegida-Aufmärsche mehr als verdoppelt haben!

Dieses Gebahren ist mehr als peinlich und die selektive Aufmerksamkeit, die Obsession für sie und die Thematisierung der diffusen Irrungen, mit denen Pegida überhäuft wird, erinnern an die sozialpädagogische Antwort auf die Hetze der 1990er-Jahre, als der „Wille des Volkes“ („Was will er, der Volk? Ich verstehe ihn nicht!“…) in Form von in Gesetzen gegossener Repression und Diskriminierung seine Verwirklichung gefunden hat.

»Eine Bewegung, die massiv von rassistischen Ressentiments geprägt ist und sich selbst als ›Volkes Wille‹ inszeniert, schafft ein Klima, das rassistische Gewalttäter motiviert, den vermeintlichen ›Volkswillen‹ zu vollstrecken«, Timo Reinfrank, Geschäftsführer der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Es ist eine Wiederholung der Geschichte. Wie zu Beginn der 90er setzt sich medial und politisch der Einfluss der RassistInnen durch – selbst wenn die Gegendemonstrationenen heute (im Gegensatz zu der Lage im vorletzten Jahrzehnt) ebenso groß ausfallen. Nachdem zu Beginn überall Ablehnung vorherrschte, mehren sich in jüngster Zeit die Stimmen der Befürworter eines Dialogs mit Pegida, weshalb man in den unsäglichen Talkshowformaten nicht mehr länger nur ihre Thesen vorbetet, sondern sie sogar selbst einlädt, ihnen unkritische Aufmerksamkeit in Tageszeitungen gibt und sie dadurch zu Vertretern einer Volksbewegung macht, die sie bisher nur in ihrer eigenen Phantasie waren. Die „Pegida“-Bewegung ist erst medial groß-geschrieben worden und setzt somit übelerregende Schlaglichter darauf, wer in der Bundesrepublik Verständnis und Aufmerksamkeit erwarten kann, denn kein Bundesparteivorsitzender und keine Bundesparteivorsitzende hat vor Fernsehkameras die Arme für die seit Jahren mit wenigen solidarischen Menschen protestierenden Flüchtlinge ausgebreitet.

Es ist außerdem nicht sinnvoll, die Pegisten wie „Kinder“ zu behandeln, denen man nur mal ordentlich zuhören müsste und ihnen dann die Welt besser erklären, damit sie wieder „zurück in die Herde“ kommen. Es handelt sich um Leute, die „neuem“ Rechtspopulismus, Rassismus und Nationalismus im vollen Besitz ihrer geistigen Kräfte nachlaufen, die kein Problem damit haben, als „bürgerliche Mitte“ mit bekannten Neonazis gemeinsam spazieren zu gehen, ohne sich abzugrenzen. Es handelt sich nicht um „Verirrte“; nicht um von „Rattenfängern“ wie Bachmann auf den „falschen Weg gelockte“ Verunsicherte, sondern um eine bürgerliche Masse, die in diesen Demonstrationen gegen vermeintliche „Islamisierung“, eine imaginierte Bedrohung ihrer „Heimat“ und ihres Wohlstandes ein Ventil gefunden haben, um ihre wohl-gepflegten Einstellungen wirkungsvoll nach außen zu tragen. Wenn auch die konkreten Beweggründe diffus (und oft absurd) sein mögen, geht es doch im Kern darum, ein WIR-Gefühl zu etablieren und zu verteidigen. Was diese Wutbürger zusammenhält sind nicht wirklich etwaige gemeinsame Ziele, sondern einzig die Sehnsucht nach der antikomplexen, nationalen Zugehörigkeit zu einer „Volksgemeinschaft“. Wenn man sein Selbstbild durch die Zugehörigkeit einer Nation auf diese Weise aufwertet, dann werden somit auch andere Gruppen abgewertet und ausgeschlossen. Sogar über diejenigen, die geduldet oder toleriert werden, nehmen sich diese „Patrioten“ ein Urteil heraus, indem sie Menschen unter Gesichtspunkten der Wirtschaftlichkeit abwägen. Indem der „gemeine Bürger“ in diesem Zusammenhang „Wir sind das Volk!“ brüllt, auf „die Kriminellen“, „die Faulen“ und „die Casino-Kapitalisten“ schimpft, wird für ihn die eigene nationale Einordnung erfahrbar und unmittelbar Chauvinismus ausgeübt.

Die Stammtischnörgler haben also „endlich“ eine Möglichkeit gefunden, ihren bürgerlichen Rassismus auch mal auszuleben, wodurch sich die Lage für sogenannte und wahrgenommene „Menschen mit Migrationshintergrund“ in den jeweiligen Städten konkret verschlechtert. Gleichzeitig werden die Proteste häufig noch immer falsch und euphemistisch als „islamkritisch“ bezeichnet. Neben der „nationalen Identitätsbildung“ spielt diffuser antimuslimischer Rassismus, Gewaltaffinität und oft auch eine aggressive Männlichkeit eine Rolle, womit der Brückenschlag zu den Hogesa-Aktionen geschafft wird. Das Weltbild vieler Pegisten wird außerdem häufig gewürzt durch Sympathien für das autoritäre Russland, Antiamerikanismus und die Aversionen gegen angebliches „Gender Mainstreaming“, womit sich der Kreis zu anderen – auch linken – VerschwörungstheoretikerInnen schließt. Das Nicht-Reden-Wollen mit der sogenannten (angeblich „linksgrünversifften“ – hihi!) Lügenpresse, die negativ berichtet, vereint Wirrköpfe aller Couleur, sodass sich Reichsbürger, Esoteriker und angebliche Friedenswächter einmütig beieinanderstehen.

Schlussendlich darf man sich über die Auflösungserscheinungen des Pegida-Phänomens nicht freuen, sondern muss sich fragen, welche konkreten Umstände und gesellschaftlichen Bedingungen diese Bewegung hervorgebracht haben und bislang weiter am Leben halten. Es sind nicht plötzlich Zehntausende aufgetaucht aus dem Nichts, sondern die entsprechenden Vorurteile und Rassismen sind tief verankert – und werden auch nicht einfach wieder verschwinden, wenn der Winter endet. Ein Lösungsansatz muss eine kurzfristige klare Haltung und Kritik der Demonstrationen beeinhalten und man muss sich fragen, wie die Menschen, gegen die sich der Hass richtet, am besten zu schützen sind, aber langfristig muss natürlich ein gesamtgesellschaftlicher Wandel losgetreten werden. Die öffentlichen Diskurse dürfen nicht immer weiter und unwidersprochen nach rechts getragen werden, und Begriffe wie „Gutmensch“, „Multikulti“ und „Flüchtlinge“ müssen den rechten Menschenfeinden weggenommen – und positiv besetzt werden. Das heißt dann unter anderem auch, dass man gegen das seltsame Verlangen, einen „Schlußstrich zu ziehen“ angehen muss und die Geschichtsvergessenheit der dummdreisten Deutschen auszutreiben. Es heißt, die Bürgerinnnen und Bürger seien „besorgt“, doch tatsächlich sollten sich diese Leute mal ein Geschichtsbuch besorgen.

Es bleibt noch die Frage, wie die Zukunft der Pegisten aussehen wird. Die Szene ist am zersplittern und der Hass treibt neue Blüten, wie die bei der Gruppe „Gemeinsam-Stark Deutschland e.V.“, die erklärt, dass man die Europäische Union ablehne und die BRD nach wie vor eine „Außenstelle der allierten Siegermächte“ sei. Es wird sich außerdem zeigen, ob die „Alternative für Deutschland (AfD)“ sich zum parlamentarischen Arm von Pegida entwickeln wird, und wohin all die mehrheitlich (siehe die Auswertungen der Interessen von Pegida-AnhängerInnen auf Facebook) männlichen, sächsischen, Bild-lesenden, Party-machenden, sich für Fußball-, Autos- und Mario-Barth-interessierenden Ex-Bundeswehrler wenden werden, wenn zumindest die winterliche – obschon bestimmt nicht die soziale Kälte – aus Deutschland weicht…

„Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen.“ – Theodor Adorno

 

Heute vor 70 Jahren, am 27. Januar 1945, befreite die Rote Armee der Sowjetunion das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. „Auschwitz“ ist die Metapher geworden für die perverse „Perfektionierung“der Vernichtung vor allem jüdischen Lebens in Europa und steht damit singulär für Vernichtungswillen und millionenfaches Leid, welches in Ausgrenzung, Hass und Antisemitismus seinen Ursprung hatte. Die Erinnerung und das Gedenken an die Shoa darf nie verloren gehen. Diese Dinge gehören an jedem Tag – und nicht nur am 27.01. – in unseren Alltag und müssen uns in unserem Handeln stets leiten: es gilt nach wie vor jeder Form von Antisemitismus, Rassismus und Faschismus, sowie jeder anderen Form von Ausgrenzung, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Hass radikal entgegenzutreten!

Gleichzeitig finde ich es wichtig, das Gedenken an die Ermordeten konkret werden zu lassen, ihnen ihre Individualität und ihre Geschichten wiederzugebn und andererseits die Täterinnen und Täter (sei es durch Wegschauen oder mittelbare Hilfsdienste…) genau zu benennen. Dabei finde ich es spannend, sich vor Ort – wo auch immer man lebt – auf die Spurensuche dieses unsäglichen Verbrechens zu begeben, anstatt diese singuläre Zivilisationsumkehr schauernd und gruselnd auf einen entfernten Ort des Horrors abzuwälzen. Dabei gilt es die Prozesse des „normal“ funktionierens, des „Wegschauens“ und der Immunisierung von Gewissen zu untersuchen. Dem unsäglichen Leid gilt es, mit Menschenwürde entgegenzutreten! Das drückt sich dann heute wohl unter anderem im gebotenen Kampf für Geflüchtete, gegen dummdreiste PatriotInnen und andere völkische Verschwörungs-„theoretiker“ aus…

 

Ort des Gedenkens in Marburg, am Ort der ehemaligen Synagoge

Ort des Gedenkens in Marburg, am Ort der ehemaligen Synagoge

Hier sind dann auch mal ein paar hübsche Fotos, die ich so in Spanien gemacht hab. Endlich mal hochgeladen…